Ziemlich genau vor 70 Jahren, am 30. September 1938, trafen sich in München Hitler, Mussolini, der britische Premier Chamberlain und der französische Ministerpräsident Daladier und schlossen das Münchener Abkommen über den Anschluss des bis dahin zur Tschechoslowakei gehörenden Sudetenlandes an das Deutsche Reich. Chamberlain flog daraufhin nach London zurück und verkündete noch auf dem Flugfeld, das Abkommen in der Hand haltend:
…the settlement of the Czechoslovakian problem, which has now been achieved is, in my view, only the prelude to a larger settlement in which all Europe may find peace. This morning I had another talk with the German Chancellor, Herr Hitler, and here is the paper which bears his name upon it as well as mine…
Später, vor 10 Downing Street, sagte er:
My good friends, for the second time in our history, a British Prime Minister has returned from Germany bringing peace with honour. I believe it is peace for our time.
Wohl selten lag ein Politiker mit seiner Einschätzung so daneben wie Chamberlain. Weniger als ein Jahr später überfiel Deutschland Polen; der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Die Appeasement-Politik hatte den Kriegsanfang nur um ein paar Monate verschieben können.
Heute verhalten wir uns gegenüber Putins Invasion in Georgien nur in Nuancen anders als Chamberlain vor 70 Jahren gegenüber Hitlers Expansionsbestrebungen. Grundprinzip der Appeasement-Politik damals wie heute ist allein die Hoffnung, dass der andere keinen Krieg will. Diese Hoffnung lässt sich der Appeasement-Politiker damals wie heute auch nicht durch gegenteilige Anzeichen zerstören.
Im Grunde ist der Westen vollkommen ratlos und zerstritten, wie er mit einem wieder erstarkten und um sich schlagenden Russland umgehen soll. Chamberlain nahm trotz mehr als deutlicher Zeichen aus Berlin an, dass Deutschland keinen Weltkrieg wollte. Viele im Westen nehmen heute in Bezug auf Russland dasselbe an und ignorieren die Kraftmeier-Rhetorik aus dem Kreml, wo man ganz genau um die Konzeptlosigkeit des Westens weiß. Wollen wir hoffen, dass wir mit unserer Hoffnung diesmal nicht ganz so falsch liegen wie Chamberlain vor 70 Jahren.
Update: Sehr interessant ist auch, was Jochen Bittner zu Putin und Georgien zu sagen hat.



